West-Nil-Virus-Infektionen in Deutschland

11. Aug 2022

Seit 2018 wird das West-Nil-Virus (WNV) zwischen Stechmücken und Vögeln in Deutschland übertragen. Seit 2019 sind die ersten mutmaßlich mückenübertragenen Infektionen unter zuvor nicht verreisten Menschen in Deutschland registriert.

Erreger und Vorkommen

Das West-Nil-Virus (WNV) gehört zu den am weitesten verbreiteten Flaviviren. West-Nil-Fieber ist eine in verschiedenen Regionen der Welt endemisch vorkommende Zoonose. Kein anderes durch Mücken übertragenes Virus ist geografisch weiter verbreitet als das West-Nil-Virus, das auf allen fünf Kontinenten nachgewiesen werden konnte.

Aus den Tropen gelangte das Virus durch Zugvögel auch in Gebiete am Mittelmeer und Europa. In Südeuropa wird es seit Langem saisonal im Sommer übertragen und kann auch vor Ort überwintern. Nachdem 2018 in Deutschland erstmals eine Zirkulation von WNV bei Vögeln und Pferden registriert wurde, wurden seit 2019 auch in Deutschland durch Mücken übertragene Erkrankungsfälle beim Menschen registriert.

Infektionswege

Hauptsächlich wird das Virus von Stechmücken zwischen wild lebenden Vögeln übertragen. An Vögeln infizierte Mücken können das Virus aber auch auf Menschen und andere Säugetiere (v. a. Pferde) übertragen. Vektoren sind verschiedene Stechmücken, die deutschlandweit verbreiteten Culex-Mücken gelten als Hauptvektoren. Im Gegensatz zu Vögeln (Amplifikationswirte) sind Menschen und Pferde Fehlwirte mit nur niedrig gradiger Virämie und somit selbst keine Virusquelle für Mücken.

Ausbrüche stehen erfahrungsgemäß im engen Zusammenhang mit günstigen Bedingungen für die Vektoren. Die für Stechmücken günstige Saison ist je nach lokalem Klima und kurzfristigen Wetterschwankungen unterschiedlich lang. Die Infektionszeitpunkte der in Deutschland bekannten autochthonen menschlichen Fälle lagen zwischen Mitte Juli und Mitte September.

Die Viren können auch durch Organtransplantation, durch Bluttransfusionen sowie während der Schwangerschaft übertragen werden.

Situation in Deutschland

Im Spätsommer 2019 wurden erste in Deutschland durch Mücken übertragene Fälle von West-Nil-Fieber bekannt. Auch im Sommer 2020 und 2021 wurden einzelne Fälle in Ostdeutschland berichtet. Da nur ein kleiner Teil der Infizierten Symptome zeigt und nur etwa einer von 100 Infizierten schwer erkrankt, ist davon auszugehen, dass es weitere nicht-diagnostizierte Infektionen gab.

Das Vorkommen von WNV-Erkrankungsfällen über mehrere Jahre zeigt an, dass offensichtlich WNV auch in Deutschland überwintert und im Sommer ausreichend günstige klimatische Bedingungen vorfindet. Es ist damit zu rechnen, dass sich WNV in Deutschland weiter etabliert und es in den kommenden Jahren insbesondere in den schon bestehenden Gebieten, aber vielleicht auch in weiteren Gebieten zu einem saisonalen Vorkommen von WNV-Erkrankungsfällen kommen wird.

Unabhängig von den Erkrankungsfällen, die die Infektion in Deutschland erworben haben, werden in Deutschland immer wieder einzelne Fälle bei Reisenden aus von West-Nil-Fieber betroffenen Regionen registriert.

Expositionsprophylaxe in Endemiegebieten

Besonders Personen, die aufgrund hohen Alters oder Immunschwäche ein erhöhtes Risiko haben, durch eine WNV-Infektion schwer zu erkranken, können das Risiko durch Schutz vor Mückenstichen reduzieren. Dazu gehört an Orten mit bekannter Mückenbelastung das Tragen von langärmeligen Hemden / Blusen und langen Hosen, am Abend der Aufenthalt in geschlossenen oder klimatisierten Räumen, die Anwendung von Repellents und Insektiziden, der Gebrauch von Moskitonetzen und Fenstergittern. Im Wohnumfeld sollten Mückenbrutplätze möglichst beseitigt werden. Ein Impfstoff ist bislang nicht verfügbar.

Klinischer Verlauf und Therapie

Die Infektionen verlaufen überwiegend klinisch unauffällig. Etwa 20 % der Infizierten entwickeln eine fieberhafte, grippeähnliche Erkrankung, die etwa 3 - 6 Tage andauert. Die Inkubationszeit beträgt 2 - 14 Tage. Der Krankheitsbeginn ist abrupt mit Fieber (teilweise biphasisch), Schüttelfrost, Kopf- und Rückenschmerzen, Abgeschlagenheit und Lymphknotenschwellungen. Bei etwa 50 % dieser Erkrankten findet man ein blasses, makulopapulöses Exanthem, das sich vom Stamm zum Kopf und zu den Gliedmaßen ausbreitet. Nur etwa jede 100. infizierte Person erkrankt schwer an einer neuroinvasiven Form der Erkrankung. Bei einem Teil dieser Patienten tritt eine zumeist gutartige Meningitis auf. In seltenen Fällen entwickelt sich eine Enzephalitis. Mögliche Symptome sind dann mentale Veränderungen, Muskelschwäche, schlaffe Lähmungen, Ataxie, extrapyramidale Symptome, Optikusneuritis und Veränderungen der anderen Hirnnerven, Polyradikulitis und epileptische Anfälle. Selten wurden Entzündungen des Herzens oder der Leber beobachtet. Das West-Nil-Fieber heilt in der Regel komplikationslos aus, bei Enzephalitis-Patienten sind Spätfolgen jedoch relativ häufig (etwa 50 %). Ca. 5 - 10 % der Patienten mit einer neuroinvasiven West-Nil-Erkrankung sterben: Vor allem Ältere und Patienten mit einer kardiovaskulären Vorerkrankung oder einer Immunsuppression.

West-Nil-Fieber wird symptomatisch behandelt. Es gibt keine spezifische antivirale Therapie.

Diagnostik

In den ersten Tagen nach Symptombeginn kann virale RNA vor allem durch RT-PCR nachgewiesen werden, danach ist der Nachweis von Antikörpern in Serum- bzw. Liquorproben sinnvoll. Aufgrund des möglichen lang andauernden Vorhandenseins von IgM-Antikörpern wird für eine abschließende Diagnose die Untersuchung von Verlaufsproben empfohlen, um die Serokonversion oder einen vierfachen Anstieg des spezifischen Antikörpertiters zu bestätigen.

Kreuzreaktionen durch andere Flavivirusinfektionen oder Impfungen (FSME, Gelbfieber, Dengue, Japanische Enzephalitis, u. a.) sind möglich.

Meldepflicht

Es besteht nach § 7, Abs. 1 Infektionsschutzgesetz (IfSG) eine Meldepflicht für den direkten oder indirekten Erregernachweis (Arbovirus-Erkrankungen).

Sicherheit von Blutprodukten

WNV kann auch durch nicht virusinaktivierte Blutprodukte übertragen werden und zum Teil schwerwiegende Erkrankungen auslösen. Daher müssen potenzielle Blutspender 28 Tage nach Verlassen eines WNV-Endemiegebietes von der Spende zurückgestellt oder auf WNV-RNA untersucht werden, wenn aus den Spenden Blutprodukte hergestellt werden, die keinem Verfahren zur Virusinaktivierung unterzogen werden. Dies gilt auch für entsprechende Gebiete in Deutschland. Das Paul-Ehrlich-Institut hat ab 2020 die Rückstellung von Spendewilligen bzw. die Testung auf WNV-RNA zwischen dem 1. Juni und dem 30. November ab 2020 angeordnet.

Redaktion: Dr. med. Martina Weiß

Quelle(n):

Frank C, Offergeld R, Lachmann R, Stark K: Gekommen, um zu bleiben? Bei autochthonen West-Nil-Virus-Infektionen steht regional die Saison 2022 vor der Tür
Epid Bull 2022;25/26:18-20 | DOI 10.25646/10171

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/W/WestNilFieber/West-Nil-Fieber_Ueberblick.html;jsessionid=­9FCA771635200B55105E6B57E82F9FBD.internet102

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