Das nicht-klassische adrenogenitale Syndrom

29. Nov 2022

Das adrenogenitale Syndrom (AGS) ist eine Gruppe von vererbten Stoffwechselkrankheiten, die durch eine Störung der Hormonsynthese in der Nebennierenrinde gekennzeichnet sind.

Das adrenogenitale Syndrom (AGS) ist eine Gruppe von autosomal rezessiv vererbten Stoffwechselkrankheiten, die durch eine Störung der Hormonsynthese in der Nebennierenrinde gekennzeichnet sind und deren Ursache Enzymdefekte sind. Hierbei unterscheidet man das klassische AGS und das nicht-klassische oder late-onset AGS.

Beim stark ausgeprägten »klassischen« AGS kommt es bereits beim Ungeborenen zu schweren Entgleisungen der Nebennierenrindenhormone und zur Vermännlichung der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane. Beim Neugeborenenscreening auf AGS wird 17-Hydroxyprogesteron bestimmt. Sicher erfasst hierbei werden AGS-Formen mit Salzverlust.

Das »nicht-klassische«, sogenannte late-onset-AGS

Milde verlaufende, nicht klassische AGS-Formen sowie seltene Sonderformen oder spät manifestierende Varianten können durch das AGS-Screening nicht sicher ausgeschlossen werden. Das »nicht-klassische«, sogenannte late-onset-AGS zeigt sich oft erst in der Zeit der Pubertät und im Erwachsenenalter, es kann aber auch gänzlich symptomlos bleiben.

Symptome des late-onset adrenogenitalen Syndroms

Es besteht eine große Variationsbreite klinischer Symptome, Zeichen können eine vorzeitige Schambehaarung, Akne, Hirsutismus und ein relativer Hochwuchs bei akzeleriertem Knochenalter sein. Unbehandelte Patienten mit AGS sind als Kinder groß, als Erwachsene wegen vorzeitigem Epiphysenschluss bei Pseudopubertas praecox – klein.

Manche Patientinnen fallen erst durch eine ausbleibende Regelblutung oder einen unerfüllten Kinderwunsch auf.

Eine primäre Oligomenorrhoe und ein Abstand zwischen Thelarche und Menarche von mehr als 3 Jahren sind hochverdächtig auf ein postpuberal manifest werdendes AGS, sofern andere Ursachen wie Leistungssport, Untergewicht, Hyperprolactinämie, Gonadendysgenesie) ausgeschlossen sind.

Ursache des adrenogenitalen Syndrom

Auslöser des AGS ist ein genetisch bedingter Mangel bestimmter Enzyme in der Nebennierenrinde, die für die Hormonbildung benötigt werden, hierdurch kommt es zu einem Stau bestimmter Hormonvorstufen.

Ort und Ausmaß der Enzymschwäche bestimmen die Form und den Schweregrad des AGS. Bei über 95 % der Betroffenen ist das Enzym 21-Hydroxylase defekt, wodurch sich das Vorhormon 17-Hydroxy-Progesteron besonders stark aufstauen kann.

21-Hydroxylasemangel

Diagnostik

Im Neugeborenenscreening werden alle Kinder auf den 21-Hydroxylasemangel untersucht. Man entdeckt jedoch nur die klassischen Formen.

Die Diagnose eines late-onset AGS kann anhand einer Blutentnahme durch die Bestimmung der Nebennierenhormone und männlichen Hormone im Serum erfolgen.

  • 17-Hydroxyprogesteron, DHEA-S, Testosteron, Androstendion sind erhöht, Cortisol ist eher erniedrigt
  • 17-Hydroxyprogesteron sollte in der frühen Follikelphase bestimmt werden.
    Wegen der erhaltenen zirkadianen Rhythmik der adrenalen Hormonausschüttung müssen die Blutentnahmen am Morgen erfolgen.

Die Sicherung der Diagnose AGS erfolgt dann durch eine genetische Untersuchung aus EDTA-Blut.

Bei einem festgestellten Late-oncet-AGS und bestehendem Kinderwunsch ist eine Untersuchung des Partners wichtig sowie eine genetische Beratung des Paares bzgl. Auftreten eines klassischen AGS beim Kind und Möglichkeiten der pränatalen Behandlung der Mutter zur Vermeidung der Virilisierung weiblicher Feten.

Therapie des late-onset adrenogenitalen Syndroms

Die Therapie richtet sich nach der Symptomatik und den Hormonbefunden.

Stehen bei einer Patientin ohne Kinderwunsch Symptome einer Hyperandrogenämie, wie z. B. Alopezie und Hirsutismus im Vordergrund der Beschwerden, ist in den meisten Fällen die Gabe eines oralen Kontrazeptivums mit antiandrogener Gestagenkomponente ausreichend.

Eine wichtige therapeutische Option bei Patientinnen mit Kinderwunsch ist die Gabe von Glucocorticoiden, indem sich z. B. nach Normalisierung der Androgenspiegel die Ovulationsfähigkeit wieder einstellt. Möglich ist auch eine Stimulation der Ovarien mit bestimmten Medikamenten, um eine Eireifung zu erreichen.

17-Hydroxyprogesteron

Synonym: 17-alpha-OH-Progesteron

Material: 1 ml Serum

Referenzbereiche:

3 - 14 Jahre:

Männer:

Frauen:

0,05 - 2,0 ng/ml

0,5 - 3,0 ng/ml

Follikelphase: 0,1- 1 ,0 ng/ml

Lutealphase: 0,6 - 2,5 ng/ml

Ovulation: 0,3 - 1,5 ng/ml

Nach ACTH-Stimulation: < 3,2 ng/ml

Schwangerschaft (3. Trim.): 2,0 - 12 ng/ml

Postmenopause: 0,13 - 0,6 ng/ml

Redaktion: Dr. med. Martina Weiß

Quelle(n):

https://www.zomacton.de/wp-content/uploads/2016/12/AGS-_-Riepe-FG001305.pdf

https://www.endokrinologie.net/krankheiten-androgenitales-syndrom.php

Leidenberger, Strowitzki, Ortmann, Klinische Endokrinologie für Frauenärzte, 5. Auflage, Springer Verlag

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